Professor Dr. med. Christian Scharfetter

Dept. of Psychiatry, Psychotherapy & Psychosomatics

Psychiatric Hospital, University of Zurich

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Trithemius

Ethnopsychotherapie

Dieses Buch "Ethnopsychotherapie" behandelt Heilungsverfahren, besonders Psychotherapieformen verschiedener Kulturen. Es beschäftigt sich also mit einem speziellen Teil der interkulturell vergleichenden, transkulturellen Psychiatrie und Psychologie. Die Idee dazu entstand in vielen Diskussionen der Herausgeber über aussergewöhnliche Bewusstseinzustände ABZ ("non-ordinary states of consciousness") bzw. veränderte Wachbewusstseinszustände VWB ("altered states of consciousness").
 
Eine nähere Beschäftigung mit diesem Gegenstand ohne Berücksichtigung indigener Kulturen ist nicht möglich. In diesen Kulturen erfolgt die institutionalisierte Erzeugung von ABZ in der Regel in dem kaum trennbaren Komplex von Religion, Magie und Heilbehandlung vor allem psychischer uder psychosomatischer Störungen. Psychotherapie mittels aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände findet sich aber auch in westlichen Psychotherapieformen — wobei diese z.T. sogar mehr oder weniger dirket aus indigenen Verfahren erwachsen sind, ähnlich wie viele westliche Medikamente ihren Ursprung in der indigenen oder früheren westlichen Verwendung bestimmter Heilpflanzen haben. Unter solchen Gesichtspunkten erscheint es sinnvoll, indigene und westliche Psychotherapieformen in einem Band zusammenfassend gegenüberzustellen. Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes — aus den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen wie Ethnologie und Anthropologie einerseits, Psychiatrie, Psychologie und Biochemie andererseits —, die wir zur Teilnahme eingeladen haben, sind darauf durchweg mit Enthusiasmus eingegangen. Sie haben speziell für dieses Buch eine Arbeit verfasst, in der sie z.T. jahrzehntelange eigene Forschungen referieren. Wir möchten ihnen auch an dieser Stelle sehr danken.
 
Das Buch gliedert sich in drei Teile: Im ersten Teil werden Grundlagen dargestellt. Es wird zunächst eine Übersicht über wichtigere Verfahren zur Auslösung von veränderten Bewusstseinszuständen gegeben. Danach wird die Frage behandelt, ob aussergewöhnliche Bewusstseinszustände unabhängig von der Art ihrer Entstehung im Kern etwas Invariantes gemeinsam haben und wie dieses im Einzelnen aussieht. Bedingungsspezifische Phänomene und die Modifikation von aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen durch kulturelle Faktoren werden erwähnt.
 
Im zweiten Teil werden Beispiele für indigene Heilbehandlungen mittels aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände und die ihnen zugrundeliegenden Krankheitskonzepte gegeben. Geographisch umfasst die Spannweite indigene Kulturen auf dem gesamten amerikanischen Kontinent, in der Karibik, in Äquatorial-Westafrika und in Asien. Eingebettet in die jeweiligen indigenen Heilrituale wird die Verwendung von "heiligen Pflanzen", Meditation, Yoga, Hypnose, "Reizüberflutung" sowie weiterer Techniken zur Auslösung von aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen betrachtet.
 
Der dritte Teil beschäftigt sich schliesslich mit der Verwendung von aussergewöhnlichen Bewusstseinzuständen in der westlichen Psychotherapie. Diskutiert wird zunächst der Gebrauch von Halluzinogenen in der psycholytischen und psychedelischen Therapie. Danach werden Psychotherapieformen besprochen, bei denen Reizentzug im weitesten Sinne eine Rolle spielt. Hierher gehören diejenigen durch "herabgesetzte Umweltstimulation", autohypnotische Verfahren wie Meditationstechniken und das katathyme Bildererleben wie auch manche Formen der Heterohypnose. Die Entstehung einer westlichen Psychotherapieform aus indigenen Verfahren wird besonders deutlich im Kapitel über die Verwendung von Reizüberflutung.

Ferdinand Enke Verlag, 1987 (ISBN 3-432-95901-X)

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